PUBLIZIERT: 20.8.2026 Lesezeit: 8 Min.
Kurz zusammengefasst
Der Mährische Karst steht auf einem 350 bis 380 Millionen Jahre alten Kalkstein, der durch die Ablagerung von Schalen mariner Organismen am Boden eines urzeitlichen tropischen Meeres entstand — die heutige Landschaft ist also im wahrsten Sinne des Wortes ein versteinerter Meeresboden, der an die Oberfläche gehoben wurde. Seit dieser Zeit löst Wasser den Kalkstein langsam auf und formt daraus Dolinen, Abgründe, Schluchten und über 1.100 Höhlen. Am reichsten an Karsterscheinungen sind die sogenannten Vilémovice-Kalksteine. Ein Tropfstein wächst pro Zentimeter Jahrzehnte bis Jahrhunderte — und genau das ist der Hauptgrund, warum diese Landschaft so unwiederbringlich empfindlich ist.
SCHNELLE LINKS 🌊 Ein versteinertes Meer · 💧 Wie Wasser Höhlen erschafft · 🏞️ Eine Landschaft zweier Welten · 🕰️ Warum das alles so empfindlich ist · ❓ FAQ
Wenn Sie auf der Aussichtsplattform über dem Macocha-Abgrund stehen, blicken Sie in eine Schlucht, die über Hunderte von Millionen Jahren entstanden ist — und die sich trotzdem immer noch verändert. Der Mährische Karst ist einer der wenigen Orte, an denen man wirklich sehen kann, wie langsam und wie unaufhaltsam die Natur eine Landschaft umgestalten kann.
Ein versteinertes Meer unter Ihren Füßen
Der Kalkstein, aus dem der gesamte Mährische Karst gemeißelt ist, ist kein gewöhnlicher Stein — es handelt sich um ein Gestein, das aus den Schalen mariner Organismen entstand, die sich vor 350 bis 380 Millionen Jahren am Boden eines damals warmen, flachen Meeres ablagerten. In der geologischen Fachsprache spricht man von paläozoischem, genauer devonischem Kalkstein. Anders gesagt: Jeder Felsen, den Sie hier sehen, war einst Teil eines Korallenriffs oder eines Meeresbodens.
Am reichsten an Karsterscheinungen sind die sogenannten Vilémovice-Kalksteine, benannt nach der Gemeinde Vilémovice, ein Teil der geologischen Einheit namens Macocha-Schichten. Genau in ihnen finden sich die meisten Höhlen, Abgründe und anderen Karstformen der ganzen Region.
Der Mährische Karst selbst besteht aus einem 24 Kilometer langen und 3 bis 6 Kilometer breiten Streifen devonischen Kalksteins, der sich von den Brünner Stadtteilen Líšeň und Maloměřice bis nach Sloup und Holštejn im Norden erstreckt. Auf einer Fläche von rund 100 km² handelt es sich um das am besten entwickelte Karstgebiet in ganz Tschechien.
Tipp für Fossilienliebhaber: In den jüngsten Kalksteinschichten am südlichen Rand des Karstgebiets, rund um die Orte Mokrá, Březina und Křtiny, finden sich bis heute Fossilien von Trilobiten — marinen Gliederfüßern, die hier vor mehr als 360 Millionen Jahren am Boden des warmen devonischen Meeres lebten. Der Brünner Amateursammler Tomáš Viktorýn beschrieb hier gleich mehrere Arten, die auf tschechischem Gebiet bis dahin völlig unbekannt waren. Der Mährische Karst liefert also immer noch paläontologische Entdeckungen, obwohl er bereits seit über hundert Jahren erforscht wird.
Wie Wasser Höhlen erschafft
Kalkstein besitzt eine Eigenschaft, die ihn zum idealen Material für die Entstehung von Karst macht: Er löst sich in leicht saurem Wasser. Regenwasser nimmt beim Durchgang durch Luft und Boden Kohlendioxid auf und wird dadurch leicht säurehaltig — und ein solches Wasser kann Kalkstein über Millionen von Jahren hinweg entlang von Rissen und Spalten im Gestein langsam auflösen. Das Ergebnis sind:
- Dolinen — kreisförmige Vertiefungen an der Oberfläche, durch die Wasser in den Untergrund abfließt.
- Schwinden — Stellen, an denen Bäche, die aus der umgebenden nicht-karstigen Landschaft (Drahaner Bergland) heranfließen, buchstäblich im Boden versickern, meist nach nur wenigen hundert Metern oberirdischem Verlauf.
- Abgründe — wie der Macocha-Abgrund, entstanden durch den Einsturz der Decke eines riesigen unterirdischen Doms.
- Höhlen — im Mährischen Karst sind über 1.100 registriert, öffentlich zugänglich sind nur fünf.
- Quellaustritte — Stellen, an denen das Grundwasser wieder an die Oberfläche tritt, oft ein Stück weiter entfernt und als ein völlig anderer Fluss.
Genau das geschieht mit dem Fluss Punkva: Er entsteht tief unter der Erde in der Amateurhöhle (Amatérská jeskyně) durch den Zusammenfluss des Sloup-Bachs und des Bílá voda-Bachs, fließt durch den Untergrund und kommt erst bei Skalní Mlýn wieder ans Tageslicht — genau diesen Weg fährt heute die touristische Bootsfahrt in der Punkva-Höhle (Punkevní jeskyně) nach.
Eine Landschaft zweier Welten
Über der Erde finden Sie sonnige Kalksteinplateaus und tief eingeschnittene Schluchten — im nördlichen Teil des Gebiets bis zu 150 Meter tief. Die Kombination aus ganztägig beschatteten, kühlen Schluchtböden und stark aufgeheizten oberen Hangkanten erzeugt eine auffällige Temperatur- und Vegetationsinversion: kälteliebende, subalpine Pflanzen wachsen unten am Grund der Schluchten, während wärmeliebende Arten oben an den Hängen zu finden sind — genau umgekehrt, als ein gewöhnlicher Beobachter erwarten würde.
Unter der Oberfläche ist es eine andere Welt — feucht, dunkel, mit einer über das ganze Jahr konstanten Temperatur von etwa 7 bis 9 °C. Genau diese Konstanz ist der Grund, warum hier im Winter Tausende von Fledermäusen überwintern: Draußen würden sie nicht überleben, in der Höhle mit ihrer stabilen Temperatur schon.
Warum das alles so empfindlich ist
Die Tropfsteine, die Sie in den Höhlen bewundern, wachsen unglaublich langsam — ein Zentimeter Tropfsteinmasse wächst in der Größenordnung von Jahrzehnten bis Jahrhunderten. Das bedeutet: Wenn ein Besucher unvorsichtig ein Stück eines Tropfsteins abbricht, wird der Schaden nicht mehr zu seinen Lebzeiten repariert sein, vielleicht nicht einmal zu Lebzeiten seiner Enkel. Der Vergleich hundert Jahre alter Fotografien der Punkva-Höhle mit dem heutigen Zustand zeigt, wie viel Schmuck bereits durch die Hände unachtsamer Besucher oder durch Prozesse verschwunden ist, bei denen sich der menschliche Einfluss weder beweisen noch ausschließen lässt.
Genau deshalb gelten im gesamten Landschaftsschutzgebiet strenge Verhaltensregeln — mehr dazu lesen Sie im Artikel über die Regeln des Landschaftsschutzgebiets.
Häufige Fragen
Wie alt ist der Kalkstein, aus dem der Mährische Karst besteht? 350 bis 380 Millionen Jahre, aus dem paläozoischen (devonischen) Zeitalter.
Warum löst sich der Kalkstein überhaupt auf? Regenwasser nimmt Kohlendioxid aus der Luft und dem Boden auf und wird dadurch leicht säurehaltig — ein solches Wasser kann Kalkstein entlang von Rissen über Millionen von Jahren langsam auflösen.
Wie viele Höhlen gibt es insgesamt im Mährischen Karst? Über 1.100 registrierte, öffentlich zugänglich sind nur fünf.
Wie schnell wachsen Tropfsteine? Etwa einen Zentimeter in Jahrzehnten bis Jahrhunderten — deshalb ist jede Beschädigung im Zeithorizont eines Menschenlebens praktisch nicht wiederherzustellen.
Was sind die Vilémovice-Kalksteine? Ein bestimmter Kalksteintyp, benannt nach der Gemeinde Vilémovice, der reichste an Karsterscheinungen in der gesamten Region.
Teil der Serie Eine Woche im Mährischen Karst: das komplette 7-Tage-Programm. Anknüpfend an die Regeln des Landschaftsschutzgebiets und die verborgenen Geschichten des Mährischen Karsts. Quellen: Skořepa, H., Tůma, A. — “CHKO Moravský kras šedesátiletá”, Živa 6/2016 (Nakladatelství Academia, AV ČR); Balák, I. — “Moravský kras: jeskyně a člověk”, Správa jeskyní ČR, 2019; offizielles Merkblatt der AOPK ČR “Moravský kras — Chráněná krajinná oblast” (2019); Nedocenění moravští trilobiti, Přírodovědci.cz.
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